von Josef Kaufhold, Klaus Klattenhoff
Das Werk zur Diskussion: Schulreform in Niedersachsen. Historische und politische Aspekte.
Josef Kaufhold, Klaus Klattenhoff (Hrsg.): Schulreform in Niedersachsen. Historische und politische Aspekte. Oldenburg: Isensee Verlag, 2024. ISBN: 9 783 730 821 817
Das durch den Arbeitskreis Schulgeschichte erarbeitete Werk Schulreform in Niedersachsen bietet auf über 300 Seiten eine historische und politische Analyse schulischer Veränderungsprozesse in Niedersachsen, das nach dem Ende der NS-Diktatur insbesondere durch die von Adolf Grimme eingeleiteten Reformbestrebungen Orientierung im Schulwesen der Bundesrepublik geben sollte. Die Beiträge zahlreicher Schulfrauen und -männer beleuchten die Entwicklungen vom Ende des NS-Regims bis in die Gegenwart – mit besonderem Augenmerk auf Schulversuche, die Praxis der Orientierungsstufe und die Entwicklung der Gesamtschule. Das Buch versteht sich als multiperspektivische Bestandsaufnahme und zugleich als historisch fundierter Debattenbeitrag zur Schulpolitik und zur Forderung nach Bildungsgerechtigkeit. Es umfasst fünf Abschnitte der Entwicklung.
Abschnitt I: Schulgeschichtliche Grundlagen und frühe Reformansätze
Klaus Klattenhoff skizziert in seinem einleitenden Beitrag grundlegende pädagogische Entwicklungslinien und macht deutlich, wie Reformkonzepte im Spannungsfeld von Rekonstruktion und Restauration ihre ursprünglich an der Entwicklung des Kindes und der Heranwachsenden orientierten Ansätze verloren.
Josef Kaufhold analysiert im Folgebeitrag die Herausforderungen des Schulneubeginns ab 1945, die Bedeutung innerer Reformimpulse (1946) sowie die Gründe des Scheiterns früher Versuche. Es wird dargestellt, wie die auf ministerieller Seite angestrebte frühe und engagierte Reformschularbeit insbesondere von Anna Mosolf und Katharina Petersen in Niedersachsen durch politische Diskussion ausgehebelt wurde.
Die Forderungen der ersten Interessenvertretung der Lehrkräfte wurden geprägt durch die Thesen Grete Henrys zur Einheitsschule, die sich letztlich nur in Ansätzen der Reformen spiegeln konnte. Gustav Heckmann, um einen Kompromiss bemüht, förderte in dieser Zeit die Idee des „differenzierten Mittelbaus“. In der Region führte nur eine Schule, die Inselschule Juist, dieses Reformmodell.
Abschnitt II: Schulstrukturwandel und Zentralschule:
Ein Beitrag von Hans-Joachim Hothan lässt erkennen, auf welche Weise sich die polarisierend geführte Landschuldiskussion auf die Struktur des regionalen Schulwesens auswirkte. Hothan wurde der erste Schulleiter einer Zentralschule, später Mittelpunktschule genannt, der Region. Er schildert in seinem Beitrag politische Wirren und Widerstände der Entwicklung. Der strukturelle Wandel in ländlichen Regionen musste eine Anpassung der Struktur des Schulwesens zur Folge haben, die Mittelpunktschule etablierte sich.
Die Planungen von Horst Leski, Schulrat in der Region Leer, an denen Hothan wesentlich beteiligt war, geben Einblick in die Grundlagen dieser Reformarbeit in der Region Leer.
Abschnitt III: Die Orientierungsstufe (1972–2004)
Ein Schwerpunkt des Bandes liegt auf der schließlich landesweit etablierten und schulformübergreifenden Orientierungsstufe, deren Einführung, Entwicklung und Abschaffung facettenreich analysiert wird.
Michael Strohschein gibt einen Überblick über Funktion und Probleme dieser Schulform im Flächenland Niedersachsen. Ergänzt wird dies durch Praxisberichte von Helmut Sprang, Josef Kaufhold, Burkhard Schäfer und Wolfgang Stenzel.
Beiträge von Rico Mecklenburg, Jörg Kenter und Klaus Kluth reflektieren die politische Auseinandersetzung um die Auslegung der Orientierungsstufe bis hin zur plötzlichen, politisch wenig abgewogenen Abschaffung der OS.
Abschnitt IV: Gesamtschule und Integrationsansätze
In einem weiteren Themenblock rücken die Gesamtschule und integrative Schulmodelle in den Fokus.
Rolf Wernstedt, von 1990 bis 1998 Kultusminister Nds., ab 1997 Präsident der Kultusministerkonferenz und von 1998-2003 Landtagspräsident, stellt Hemmnisse und Diskussionen dar, blickt auf „40 Jahre Gesamtschule in Niedersachsen“ zurück.
Peter Klein-Nordhues und Claus Duckstein beleuchten die politische Entwicklung unter der Regierung Wulf und schildern die pädagogisch schwer erträglichen politischen Diskussionen um die Schließung der IGS Egels. Peter Klein-Nordhues stellt zudem die Rolle des „Gesprächskreises Gesamtschule“ und regionalpädagogische Strukturen heraus.
Abschließend widmet sich Klaus Klattenhoff dem Spannungsfeld von Integration und Inklusion im niedersächsischen Schulsystem.
Abschnitt V: Persönlichkeiten und Würdigung
Burkhard Schäfer und Josef Kaufhold schließen den Band mit einer biografischen Würdigung von Hans-Joachim Hothan, einem der engagierten Schulreformer in der Region.
Dieses Buch ist ein unverzichtbarer Beitrag zur Schulgeschichtsforschung in Niedersachsen. Es überzeugt durch die Kombination aus theoretischen Analysen, empirischen Fallstudien und persönlichen Erfahrungsberichten. Es ermöglicht damit eine tiefgehende Auseinandersetzung mit dem schulpolitischem Wandel, den strukturellen Reformprozessen und regionalen Besonderheiten.