Fokusevaluation

Neues Evaluationsverfahren löst die Schulinspektion ab

Zum kommenden Schuljahr 2018/2019 wird in Niedersachsen ein neues Evaluationsverfahren an den allgemein bildenden Schulen starten. Eine Arbeitsgruppe des Forums Eigenverantwortliche Schule im MK hat nach Auswertung der Online-Umfrage niedersächsischer Lehrkräfte im Sommer 2016, Vorschläge für ein neues Evaluationsverfahren erarbeitet. Laut MK geht es bei der neuen Fokusevaluation nicht um Kontrolle, sondern um gezielte Hilfestellung für jene Bereiche, die die jeweiligen Schulen aussuchen und selbst als verbesserungswürdig ansehen.
Bezogen auf die im Schulprogramm festgeschriebenen Entwicklungsziele bekommen die Schulen nun die Möglichkeit, aus fachbezogenen und fächerübergreifenden Fokusthemen einen bis drei Bereiche auszuwählen. Infrage kommen aktuell Mathematik, Deutsch, Englisch, Bildung in einer digitalisierten Welt, individualisiertes Lernen und Leistungsorientierung. Jede einzelne Schule wird mit ihren jeweils individuellen Schwerpunkten in den Blick genommen. Dadurch ergibt sich u. a. das (Wunsch-)Ziel, dass externe und interne Evaluation fortwährend ineinandergreifen. Nutzen und Wirkung für die Schule sollen somit optimiert werden.
Die Weiterentwicklung des Evaluationsverfahrens hat zum Ziel, den individuellen Unterricht noch mehr als bisher in den Fokus zu nehmen. Der Unterrichtsbeobachtungsbogen ist daher mit 16 Seiten sehr umfangreich. Die Beobachtungsdauer wird variabel gehalten und an die Gegebenheiten der jeweiligen Schule angepasst. Das Maximum beträgt 90 Minuten. Anders als bei den vorangegangenen Evaluationsverfahren ist bei der Fokusevaluation eine individuelle Rückmeldung bei Bedarf möglich.
Das gesamte Verfahren der Fokusevaluation erstreckt sich maximal über 18 Monate und gliedert sich in fünf unterschiedliche Phasen:

1. Auftakt: 2 halbe Tage innerhalb von 4 – 6 Wochen. In einem „Vorgespräch“ und in der „Auftragsklärung“ werden Vorbereitungen und (Ziel-)Vereinbarungen für die weiteren Phasen getroffen.

2. Schulische Arbeitsphase I: Während eines Zeitraums von maximal 10 Monaten arbeitet die Schule an ihren unterrichtsbezogenen Entwicklungszielen. Die zuständigen schulischen Gremien werden mit einbezogen. Weitere Bestandteile sind Beratung durch Externe und Umsetzung von Fortbildungen.

3. Evaluationsbesuch I: 4 Tage innerhalb von 2 Wochen

  • Informationsgewinnung: Gespräche mit unterschiedlichen Gruppen, ggf. Fragebögen und Dokumente
  • Unterrichtsbeobachtungen: auf Fokusthema abgestimmt, Darstellung der Unterrichtsergebnisse
  • Stützende Prozesse: Analyse und Bewertung durch Auswertung der Gespräche und Informationen
  • Ergebnisübergabe: Übergabe der Ergebnisse, gewonnen aus den vorangegangenen Schritten aus EB I.
  • Auswertungsdialog: Standortbestimmung durch Verknüpfung der Unterrichtsbeobachtungen und der stützenden Prozesse. Entwicklungsziele werden ggf. angepasst.

4. Schulische Arbeitsphase II:
Während der folgenden maximal 6 Monate arbeitet die Schule unter Berücksichtigung der Ergebnisse der vorangegangenen Phase weiter an ihrem unterrichtsbezogenen Entwicklungsziel.

5. Evaluationsbesuch II:
Unter Hinzunahme sämtlicher Verabredungen, Berichte und Ergebnisse aus den vorangegangenen Phasen folgt ein weiterer Auswertungsdialog. Hier folgt schließlich eine Zusammenfassung der Ergebnisse. Grundlage hierfür sind die Ergebnisse der internen Evaluation und die Reflexion des Entwicklungsprozesses.
Der Evaluationsbesuch II schließt ab mit Vereinbarungen über die weitere schulische Arbeit und mit einer Empfehlung für die Terminierung der nächsten Fokusevaluation. So ist eigentlich nach der Fokusevaluation immer gleich wieder vor der Fokusevaluation. Es bleibt somit abzuwarten, ob die Lehrkräfte in Niedersachsen diese Form der Evaluation als hilfreich erachten oder sie eher als Dauerkontrolle empfinden. Durch den Bezug auf die Onlineumfrage wird suggeriert, dass die Lehrkräfte bei der Entwicklung des neuen Verfahrens mitgewirkt haben und damit auf ihre Bedürfnisse Rücksicht genommen wurde. Es ist aber wohl eher das Ergebnis geschickter Fragestellungen. Die wahren Bedürfnisse der Kolleginnen und Kollegen sind nämlich ganz andere: Mehr Zeit für guten Unterricht!
Solange die Schulen bzw. die Lehrkräfte nicht wirklich ernst genommen werden, indem die Arbeitszeit und Arbeitsbelastung in den Blick genommen wird und die notwendigen Ressourcen zur Verfügung gestellt werden, kann die Fokusevaluation ihre Wirkungsweise nicht entfalten. Die hierfür aufgebrachten enormen finanziellen Mittel ließen sich sinnvoller verwenden.

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